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  • AutorenbildSchreiblaune

Das dicke Kind

Es ist soweit: Ein grober Plott steht und jetzt geht es daran “Fleisch an die Geschichte” zu bekommen. So weiß ich bereits, welche Figuren mich in den nächsten Monaten begleiten werden. Ihre Namen stehen, zumindest vorerst, und ich habe ein grobes Bild von ihnen vor mir, sobald ich von ihnen schreibe. Nun geht es darum ihnen nicht nur eine kräftige Stimme zu geben, sondern Leben einzuhauchen. Thomas & Co. brauchen also einen Charakter, eine Persönlichkeit. Grund genug, um sich einige Gedanken zum Thema Eigenschaften und Rollen zu machen. Nicht zuletzt, da sich auch die Romanfiguren in einer Entwicklungsphase befinden.

Grundsätzlich wissen wir alle, dass unser Leben ein ständiger Wandel ist. Rein prinzipiell gesehen natürlich. Dabei erfüllen wir immer wieder verschiedene Rollen, je nachdem mit wem wir es zu tun haben. Manchmal sind wir das schutzsuchende Kind, manchmal ein stabilisierender Elternteil, manchmal Kollege oder Freundin, Zuflucht, Zukunft oder die Antiheldin.

Manchmal werden uns mehr gute Eigenschaften zugeschrieben und wir gelten als netter Mensch. Andere wiederum finden uns vielleicht blöd, weil sie in uns eher die negativen Seiten sehen. Doch egal welche Rolle wir auch erfüllen, alle Facetten sind ein Teil von dem was uns ausmacht. Sowohl die sympathischen als auch die negativen Charakterzüge. Doch ist es wirklich so einfach? Sind Signal und Außenwirkung immer stimmig und einfach nur – je nach Betrachtungswinkel – passend oder eben nicht?

Doch was ist dann mit den Momenten, in denen wir uns nicht sicher sind, wie wir uns verhalten sollen. Immer dann, wenn wir uns selbst unnatürlich vorkommen, weil wir versuchen möglichst normal zu wirken, obwohl es uns innerlich vor Aufregung zwickt. Dann, wenn sich die Nervosität breit macht und wir Angst haben in etwas Besonderem zu versagen, in dem wir eigentlich gut sein sollten – darin wir selbst zu sein. Dann erscheint es uns, als könnten wir noch nicht einmal unsere eigene Rolle erfüllen. Die, die wir uns selbst in unserem Leben geben und in der wir uns gern in Situationen mit anderen sehen wollen. Ob als perfekte Gastgeberin oder doch im Berufsalltag. Die Situationen können natürlich stark variieren. Wir fühlen uns selbstsicher und sind es dann plötzlich nicht mehr, wenn es im entscheidenden Moment darauf ankommt einfach nur wir selbst zu sein. Oder wir haben uns jedes Wort für diesen einen Momen zurecht gelegt, um dann doch zu verstummen, obwohl wir für den nächsten Satz schon längst Luft geholt haben. Manchmal lässt uns unsere Courage dann doch im Stich.

Und manchmal stecken wir uns selbst in eine Rolle, die uns nicht im geringsten entspricht oder gerecht wird.

Einen Satz, den sicherlich jeder von uns kennt, ist:”Du benimmst dich wie XY”. In diesem Spiel kannst du XY als “früher”, “deine Mutter” oder andere tausend Optionen ersetzen.

Diese nur bedingt realitätsnahe Äußerung kommt meist in Situationen, in denen wir besonders emotional reagieren oder eben genau das Gegenteil sind. Auf jedenfall erfüllen wir in diesen Szenarien sicherlich eine Tatsache: Wir zeigen ein nicht erwünschtes Verhalten, sodass unsere Reaktion unserem Gegenüber übel aufstößt. Manchmal vielleicht, weil der- oder diejenige selbst nicht weiß, wie er darauf reagieren soll. Oder wir dienen als weiße Leinwand, auf der unbekümmert Verhaltensweisen projiziert werden, die der Szene dienlich sind. Mal unerwartet, mal evoziert.

Manchmal wachsen wir auch aus einer vergangenen Rolle heraus und entwickeln uns weiter. Jeder von uns wird schließlich älter und sammelt im Laufe der Zeit seine Erfahrungen an deren wir uns neue Maßstäbe setzen und weiter entwickeln. Eine Art Transformation zu einer erfahrenen Variante von uns selbst. Das ist auch gut so. Wäre es nicht langweilig und ignorant, wenn wir für immer auf der gleichen Stelle treten würden?

Auch, wenn wir davon ausgehen, dass wir uns immer weiterentwickeln gibt es einen kleinen Trost für all diejenigen, die Angst vor zu viel Neuerungen im eigenen Dasein haben. Denn es gibt einen Fluchtweg aus der Transformation. Es gibt immer wieder Momente in denen wir uns selbst in unsere alten Rollen zwängen, weil wir sie kennen. Manchmal sind sie wie unser schlabberiger Lieblingspullover, der verwaschen und löchrig in unserem Schrank sein Dasein fristet und immer dann herausgeholt wird, wenn wir uns einfach nur geborgen und wohlfühlen wollen. Dann genießen wir die Rolle, in der wir vielleicht weniger Erfahrung in einigen Dingen hatten und uns somit naiver verhalten dürfen. Eben so, wie es unser damliges Ich getan hätte. Wir lassen so manche Hemmung fallen oder winken das Älterwerden geschickt von uns weg, weil wir für einen kurzen Augenblick die Regeln vergessen wollen, die uns ansonsten jeden Tag begleiten. Wir biegen einfach aus unseren alltäglichen Leitplanken ab in einen Feldweg.

Doch ab und zu erwartet uns nicht die Komfortzone, sondern ein Kostüm, das uns schon längst zu klein geworden ist. Wir machen uns kleiner als wir wirklich sind, um trotzdem in die Rolle zu passen. Ob wir sie nun wollen oder nicht. Dafür reicht manchmal eine bestimmte Situation aus, die uns an vorherige unangenehme Momente in unserem Leben erinnern. Oder sie werden uns von anderen Menschen zugeschrieben, die es mitunter einfach nicht besser wissen, oder einfach jemanden brauchen, auf die sie etwas projizieren können, was sie selbst in diesem Moment brauchen. Das kann die verschiedensten Ausprägungen haben und doch können wir selbst entscheiden, ob wir das zulassen oder nicht.

Doch was, wenn wir selbst nicht mehr aus dieser Rolle herauskommen? Wenn wir plötzlich wieder der gefühllose Partner sind, der es wagt so manche Erwartung nicht mehr zu erfüllen? Oder vielleicht doch das dicke Kind, das damals auf dem Schulhof gehänselt wurde, weil es nicht so schnell wie die anderen rennen konnte? Einen objektiven Blick zu wahren kann schließlich schwerfallen. Doch glaub mir, es gibt einen ziemlich sicheren Weg aus diesem Schreckensszenario heraus. Rede mit einem Freund darüber oder schreib auf, was dir gerade passiert. Lass dich nicht in eine Rolle pressen, der du schon längst entwachsen bist. Und die Gewissheit, dass du eben nicht mehr das dickliche Kind, das Naivchen – es gibt so unendlich viele Beispiele mehr – bist, fängt bei dir selbst an.

Auch wenn es dir schwerfällt und andere sehr überzeugend sein können, wenn es um das Zuschieben von Eigenschaften geht: Bleib selbstreflexiv.

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