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  • AutorenbildSchreiblaune

Eine Macke kommt selten allein

Ich bin der festen Überzeugung, dass die meisten von uns die ein oder andere von ihnen haben. Manche sind wunderbar schrullig, wieder andere können unser Umfeld ganz schön nerven. Manche von ihnen lassen sich im Alltag ganz einfach kaschieren, sodass sie wie eine unschöne Hautunreinheit abgedeckt und vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Trotzdem brodeln sie unbeirrt weiter unter unserer Oberfläche, bis der unweigerliche Moment gekommen ist, in dem wir sie endlich unbeirrt ausleben können. Während uns die einen interessanter erscheinen lassen, lassen uns die anderen in einem eher seltsamen Licht erstrahlen. Einige machen neugierig auf mehr, andere wiederum einsam. Du weißt vermutlich schon längst worum es mir grade geht. Unsere Macken und Marotten, eben die feinen Eigenheiten, die wir uns im Laufe des Lebens antrainieren und die unser Verhalten für andere irrational werden lässt. Auch, wenn unser Handeln in eben diesen Situationen für uns selbst mehr als gerechtfertigt ist. Es sind die kleinen, mitunter abstrusen Entscheidungen, die zu unserer Einzigartigkeit beitragen und zu dem besonderen Cocktail aus verschiedenen Eigenschaften einen guten Schuss Individualität hinzugeben.

Wenn ich hier von Macken oder Marotten schreibe und sie gedanklich auf ein kleines Podest hebe, dann meine ich mit Sicherheit nicht solche Eigenarten, die andere Menschen oder auch Lebewesen im Allgemeinen verletzen, oder solche die durch Destruktivität ausgelebt werden. Ich meine vielmehr die kleinen Narrheiten, denen wir uns hingeben und mit denen wir uns ein bisschen mehr Würze in den Alltag zaubern.

Okay, der letzte Punkt war vielleicht etwas zu hoch gegriffen – das merke ich selbst, sobald ich versuche ein Beispiel eben für dieses besondere Gefühl zu finden.

Ich versuche es mal anders. Zu meinen eher nervigen Marotten zählt definitiv das zeitverzögerte Infragestellen von einigen alltäglichen Handlungen. Nehmen wir beispielsweise das Auto schließen. Es ist bisher noch kein Tag vergangen, zumindest nicht seitdem ich meinen Führerschein und ein eigenes Auto besitze, an dem ich nicht noch mindestens ein Mal gecheckt habe, ob das Auto auch wirklich geschlossen ist. Meistens drücke ich noch mindestens zwei weitere Male auf den Schlüssel, um das zweimalige Aufleuchten der Lichter abzuwarten und zu wissen, dass es rein theoretisch verschlossen sein müsste. Um letztendlich wirklich sicher zu gehen, dass ich recht behalte, ziehe ich nochmal an der (immer!) verschlossenen Tür. Zwei Mal, um genau zu sein, denn man weiß schließlich nie. Das Ritual, oder eben die Marotte, könnte sich hiermit erledigt haben. Doch oftmals beschleicht sich im Laufe des Abends dann doch ein seltsames Gefühl, dass ich aus Versehen nochmals auf die Schlüsselkarte gedrückt habe und das Auto so wieder entriegelt habe. Ähnlich ist es mit dem Parken und der Angst davor abgeschleppt zu werden. Insbesondere in Großstädten kommt häufig so ein seltsames Gefühl auf. Ich muss dir nicht schreiben, dass es bisher noch die vorgekommen ist, dass ich zu meinem Auto zurückgehen wollte und es schließlich nicht mehr dort stand, wo ich es zurückgelassen habe.

Doch das ist natürlich noch längst nicht alles. Denn dort, wo der Nährboden für eine Marotte ist, da lassen andere zumeist nicht lange auf sich warten. Oder um bei den Platitüden zu bleiben: Eine Macke kommt selten allein.

Wo wir grade schon beim Thema sind: Ich zähle zu den Menschen, die sich generell zu viele Gedanken machen und die von Hause aus über ein beachtliches Kopfkarussel verfügen. Denn während für einige eine alltägliche Situation durchlaufen, sie für sich bewerten und schließlich mental abhaken, gibt es dann noch diejenigen, die ebenfalls eine Situation durchlaufen, sie kurz für sich einordnen, um zu reagieren. Doch im Nachgang fällt ihnen plötzlich auf, dass ein bestimmter Tonfall in irgendeiner Form nicht stimmig war, oder dass der Gesichtsausdruck sich im Bruchteil einer Sekunde derart verändert hat, sodass sich im Kontext zu dem Gesagten, rückblickend nur noch etwas Negatives aus der Gesamtsituation erschließen lässt. Spannend wird es, wenn unser Hirn einzelne Gesprächsfragmente noch einmal hervorkramt, um diese neu zu bewerten. Intonation, Mimik und Gestik werden dann noch einmal vollkommen neu eingeordnet und bewertet. Alles auf null und nochmal vom Anfang an, bitte. Waren die Bewegungen des Gesprächspartners nicht auf einmal hektischer, als er X gesagt hat? Sein Blick huschte währenddessen jedenfalls durch den Raum und seine Stimme klang dünner als noch einige Sekunden zuvor.

Das alles ist natürlich nur ein rudimentäres Beispiel für das große Kino, dass sich abends dann tatsächlich im Kopf abspielt. In Wirklichkeit sind es wesentlich mehr Sinneseindrücke, die in die rückwärtige Situation mit einfließen. Und ich kann dir versprechen, es kommt nicht immer ein positives Resümee als Resultat dabei heraus. Jedenfalls zähle ich diese Art des Kopfkarussels ebenfalls zu meinen Macken, oder auch Marotten – ganz wie du es nennen magst. In das Macken-Paket zählt sicherlich auch noch das schnelle Aufkommen von Langeweile und daran gekoppeltes impulsives Handeln. So stand ich schon nachts mit Pinsel in der Hand im Wohnzimmer, um die Wände neu zu streichen. Das hat sich rückblickend übrigens als sehr gute Idee herausgestellt, denn das Wohnzimmer sieht so wesentlich schöner aus. Die Flecken an einigen Stellen inklusive – schließlich war die Beleuchtung nicht ganz optimal gewählt. Die abendliche Streichaktion der Küche war im Gegensatz hierzu nicht ganz so optimal. Das mag aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass ich mich bei der Farbauswahl etwas vergriffen habe, sodass meine Küche zumindest zur Hälfte nach Pistazieneis aussieht.

Du kannst dir sicherlich denken, was impulsives Handeln noch auslöst. Genau – jede Menge Emotionen und Dramen. Mitunter sogar Enttäuschung bei der Erkenntnis des eigenen Unvermögens in einigen Fällen. Der Plan steht und rein theoretisch weiß ich auch, wie man an die Umsetzung herangehen muss, um ans Ziel zu kommen. Eine IKEA-Bedienungsanleitung ist nichts im Vergleich zu dem minutiösen Plan, den ich mir bereits mental zurechtgelegt habe. Ich schreite also beherzt zur Tat und zack! – es passiert wieder. Ich habe nicht bedacht, dass ich in meinem ganzen Leben noch keine Bohrmaschine bedient habe – ja ja, die ad hoc Renovierungsaktionen – , oder nicht das komplette Material besorgt habe, weil ich den akribisch vorbereiteten Einkaufszettel mal wieder irgendwo liegen gelassen habe. Wo genau, stellt sich meist dann heraus, wenn ich meine Tasche mal wieder aufräume, was im Zweifelsfall immer die andere ist, oder ich Wäsche aufhänge und genervt feststelle, dass ich schon wieder einen halben Block oder auch einfach eine Packung Tempos mitgewaschen habe.

Diese beiden Eigenschaften lassen sich auch wunderbar kombinieren. Stell dir mal vor, du wirfst einen zweifelnden Geist und analysierendes Verhalten in einen großen Mixer. Würze das Ganze noch mit Emotion und Impulsivität – es entsteht mit Sicherheit eine explosive Mischung, die entweder interessant oder auch einfach Molotowcocktail ähnliche Ausmaße annehmen kann.

Kommen wir zu der vorerst letzten Macke für heute: Ich kann den Satz “Das wird so nichts” absolut und komplett gar nicht ausstehen. Das hat gleich mehrere Gründe. Einer von ihnen ist meine Überzeugung, dass sich die meisten Pläne mit ausreichend Kreativität und Ausdauer tatsächlich umsetzen lassen. Ein Blick über den Tellerrand kann wahre Wunder wirken und ein bisschen Glück kann dabei sicherlich auch nicht schaden. Aber bevor man jemanden demotiviert sollte man vorerst hinterfragen, warum man genau diesen Satz nun zwanghaft aussprechen möchte. Hängt es vielleicht nicht doch eher mit den Grenzen der eigenen Vorstellungskraft zusammen, oder möchten wir dem anderen tatsächlich eine Enttäuschung ersparen. Insbesondere bei diesem Punkt sind natürlich ausschließlich solche Vorhaben gemeint, mit denen man sich selbst oder andere nicht in Gefahr bringen kann. Es geht vielmehr um kleine Projekte, mit denen man sich selbst verwirklichen oder auch einfach nur mal etwas Neues ausprobieren möchte.

Doch warum erzähle ich dir von meinen Macken und Marotten. Schließlich sind diese weder besonders spannend, noch wirklich einzigartig. So fallen mir auf Anhieb gleich mehrere Menschen aus meinem Umfeld ein, die mindestens einen der Punkte ebenfalls in ihrem Leben integriert haben. Plus natürlich diverser anderer Zusatzpunkte, die sich bei ihnen alle aus verschiedenen Eigenschaften zusammensetzen und einige von ihnen zu besonders wertvollen Begleitern gemacht haben. Natürlich nicht nur aufgrund ihrer Eigenarten, sondern weil sie eben die Menschen sind, die sie sind. Das ist recht einfach. Aber ich drifte schon wieder ab. Es gibt immer wieder Momente im Leben, in denen man denkt, dass man selbst die einzige Person sei, bei der manche Dinge nicht funktionieren oder in denen wir uns selbst wieder mal ein Bein stellen, obwohl wir es doch eigentlich besser wissen müssten. Und eben dann, wenn wir enttäuscht von uns selbst sind und uns grade die ein oder andere Macke besonders stresst und ein negatives Gefühl hinterlässt, ist es schön zu wissen, dass man mit diesen Emotionen nicht allein ist.

Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass Macken nicht immer negativ sind. Es gibt zahlreiche schöne Varianten von ihnen, die für ein gutes Gefühl in der Magengegend sorgen können. So neige ich dazu bestimmte Dinge, wie Mustertapeten, Gras oder Ähnliches, das eine intrerssante Strukur aufweist, anfassen zu müssen. Wasser zählt übrigens auch hierzu. Stell dir vor du stehst vor einem kristallklaren Bergsee und hältst deine Füße in das kühle Nass. Du spürst förmlich die Ruhe um dich herum, die Abwesenheit von Lärm und Stress. Während sich deine Gedanken einzig auf die klare Luft und die sanften Bewegungen des Wassers konzentrieren, kannst du fühlen, wie vieles Belastendes einfach von dir abfällt. Selbst als sehr nachdenklicher oder/und zweifelnder Mensch ist dies ein beruhigender Moment und einer der Gründe, warum ich den Wanderurlaub in den Bergen so sehr schätze. Ich kann meine eigenen Gedanken wieder hören. Doch zuück zu unseren Macken.

Vielleicht liegt es an dem Begriff selbst, dass wir immer etwas Negatives mit ihnen verbinden. Fahren wir uns eine Delle ins Auto, oder ist ein Kratzer irgendwo zu finden, sprechen wir schließlich auch davon, dass etwas eine Macke hat. Eben immer dann, wenn etwas Fehlerhaftes in einer bestimmten Struktur auftaucht. Dementsprechend wären auch unsere Eigenarten, die wir liebevoll als Macken bezeichnen, nur ein Fehler in der menschlichen Syntax. Doch wäre es nicht schade, wenn wir unsere Eigenarten ausschließlich darauf reduzieren würden? Der Satz “Anders ist nicht immer schlecht” dürfte auch auf einige unserer Marotten zutreffen.

Ich weiß nicht, wie du es siehst. Aber ich persönlich denke, dass es machmal überhaupt nicht verkehrt ist etwas schrullig zu sein. Wie gesagt, ein kleiner Blick über den eigenen Tellerrand kann schließlich nie schaden. Du wärst sicherlich überrascht, wenn du die Augen einfach mal bewusst offen hältst und die kleinen Eigenarten deiner Mitmenschen genauer unter die Lupe nimmst. 😉

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