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Entschleunigung: Geht es auch etwas langsamer?

Wer ist nicht jeden Tag auf der Suche nach mehr? Mehr Leistung, mehr Erfolg, mehr Lob sowie Bestätigung von anderen, mehr Zeit für die eigenen Hobbys, den Partner, die Familie oder mehr Urlaub. Manche wünschen sich auch mehr Zuneigung und Liebe, mehr Urlaub oder mehr Arbeit. Du siehst, wie breit gestreut unser Wunsch sein kann und doch ähnelt sich die Grundlage in vielen Fällen. Wir sind unzufrieden mit unserer Situation oder dem, was wir bereits haben. Das kann berufliche oder auch private Gründe haben. Vielleicht vergleichen wir uns mit anderen oder messen uns eben an den Ansprüchen, die wir an uns selbst stellen. Letzteres ist unter Umständen sicherlich die größere Schwelle zwischen dem Ist- und dem Soll-Zustand.

Auch ich bin hier keine Ausnahme. Ich selbst rase ebenso auf dem Wunsch-Highway von einer Ausfahrt zur nächsten, ohne dass ich mein Ziel erreiche. Das mag in einigen Fällen sicherlich daran liegen, dass ich selbst keine Ahnung davon habe, was ich denn eigentlich möchte. So ähnelt der Weg dorthin an einigen Tagen eher einem holprigen Kopfsteinpflaster, als einer gut ausgebauten Autobahn. Schieße ich mit 140 km/h – dem Maximum an Geschwindigkeit das mein Renault Megane zu bieten hat – an der Ausfahrt für mehr Zeit vorbei, weil mir in diesem einen Bruchteil einer Sekunde andere Dinge wichtiger waren, brauche ich nicht erst auf die nächste Abfahrt zu warten, um bereits zu bereuen, dass ich nicht abgebogen bin.

Was daraus entsteht, kannst du dir vermutlich bereits denken. Stress und eine innere Unruhe, dass ich eben nicht das erreiche, was ich mir doch vorgenommen habe. 

© Pixabay: JoshuaWoroniecki 

Hierzu ein kleines Beispiel aus meinem Alltag:  Da ich mir neben meinem Beruf ein kleines Schreibbüro aufbaue und mich mit Hilfe eines Fernstudiums weiterbilden möchte, stehe ich nach Feierabend oftmals zwischen den Stühlen. So nehme ich mir Morgens noch verschlafen aber motiviert vor nach meinem Feierabend und der Runde mit Loui ein bisschen Sport zu machen. Doch je näher die Freizeit rückt, umso lauter schreien die To Do-Listen um Beachtung. Denn wie kann ich denn Sport machen, wenn ich doch eigentlich noch an der Webseite für Schreiblaune, Instagram oder auch die Lernhefte für das Studium arbeiten wollte? Dann wartet auch noch der angefangene Plot darauf weiterentwickelt zu werden und wollte ich nicht eigentlich auch noch Notizen für das Meeting am nächsten Vormittag machen? Da klingelt auch schon das Telefon und meine Oma möchte demnächst von mir zu einem Arzttermin gefahren werden. Und Loui ist schließlich auch noch da und wurde bisher einen Großteil des Tages weniger beachtet, als es ihr zusteht. Arbeit ist schließlich Arbeit – auch wenn man im Home Office sitzt.

Du kannst dir vermutlich schon denken, worauf es hinausläuft: Kein Sport, nur halbherzig angefangene Aufgaben, weil ich mit den Gedanken schon wieder bei der nächsten Aufgabe bin und ein schlechtes Gewissen gegenüber meine Oma, der ich am Telefon vielleicht nur halb zugehört habe, weil ich inmitten eines Satzes unterbrochen wurde und natürlich auch gegenüber meiner Hündin. Das alles kann mit der Zeit ziemlich auf die Stimmung drücken und auch den Leistungsdruck erhöhen.

Das führt dazu, dass mir an einigen Tagen beispielsweise die Ruhe fehlt, mich einfach hinzusetzen und ein Buch zu lesen. Selbst, wenn ich mir genau das im Vorfeld bereits vorgenommen habe. Es gibt immer Aufgaben, die in meinem Hinterkopf notiert sind und nur darauf warten umgesetzt zu werden. Ist man dazu auch noch ein ungeduldiger Mensch und neigt zu impulsivem Verhalten, ist die Situation perfekt und wir rasen konstant weiter auf unserem Highway in Richtung mehr Freizeit. Allerdings ohne uns selbst die Chance zu geben, aus unserem Auto auszusteigen, um die Zeit die wir haben, auch als solche anzuerkennen. „Eigentlich müsste ich jetzt XY machen“, oder auch: „Ich wollte schon längst in XY sein“, sind sicherlich Gedankengänge, die nicht nur mir bekannt vorkommen. Ebenso wie der genervte Satz: “Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für sowas”.

Während ich also frustriert hinter dem Steuer sitze und mir die Geschwindigkeit den Blick für das Wesentliche vernebelt, der Rücken von der langen Fahrt bereits schmerzt und die Augen von der Konzentration anfangen zu tränen, wird stur weiter Kurs gehalten, um möglichst alle kleinen Aufgaben im Alltag halbwegs gut abzudecken. Währenddessen warte ich weiter auf den Tag, an dem ich endlich anfange mir mehr Zeit zu nehmen und mir selbst sowie meinem Umfeld nicht nur halbherzig gerecht zu werden. Der Tag wird schließlich schon noch kommen, an dem ich erleichtert die Ausfahrt nehme und weiß, dass ich nun den richtigen Weg eingeschlagen habe. 

Entschleunigung: Der Tritt auf die Bremse

Der Begriff Entschleunigung ist vielen von uns mit ziemlicher Sicherheit schon einmal im Alltag begegnet. Im schlimmsten Fall nehmen wir diesen jedoch nur mit einem Achselzucken wahr oder denken uns still und heimlich: “Das ist ja ganz nett, wenn man Zeit für so etwas hat”. Grund genug sich das Thema einmal genauer anzusehen.

Im Duden findet man unter dem Begriff Entschleunigung die Definition: “gezielte Verlangsamung einer [sich bisher ständig beschleunigenden] Entwicklung, einer Tätigkeit o. Ä.”. Würden wir also versuchen unseren Alltag bewusst zu entschleunigen, bedeutet dies lediglich, dass wir anfangen uns Zeit für etwas zu nehmen. Das betrifft auch den Beruf. Anstatt von einer Aufgabe in die nächste zu rasen, sich einfach mal einen Moment Zeit nehmen, um den besten Lösungsansatz zu finden. Natürlich spielt die Geschwindigkeit in vielen Berufen eine große Rolle – wer schon einmal in einer Werbeagentur oder in einer Pressestelle gearbeitet hat, weiß dass der Faktor Zeit ein wichtiges Kriterium für Kunden, Pressemitteilungen und ein Vorteil gegenüber Wettbewerbern ist 

Doch was wenn wir durch Entschleunigung zwar nicht schneller, sondern effektiver werden?

Sich mehr Zeit zu nehmen reguliert nicht nur den Stress, sondern fördert auch positive Aspekte, wie die Kreativität. Versteh mich nicht falsch. Ich weiß, dass wir nicht immer Zeit haben, um kurz innezuhalten. Doch vielleicht ist es schon ein kleiner Anfang, wenn wir mit einigen wenigen Momenten starten.  

Bleiben wir bei dem Vergleich mit einer Autobahn. Wenn wir es uns ab und an zugestehen von der Autobahn abzufahren und auf die Landstraßen inmitten der bunten Felder und der kleinen Dörfer zu gelangen, ermöglichen wir es uns zugleich, die Umgebung bewusster wahrzunehmen. Aus den schnellen Sinneseindrücken, die wir nur fluchtartig begreifen können, werden plötzlich Erinnerung. Wir jagen nicht mehr an ihnen vorbei, sondern geben uns selbst die Chance Erfahrungen zu machen, die uns im Gedächtnis bleiben ohne als Randnotiz zu verkümmern. 

Natürlich können wir uns nicht an jedem Tag und in jeder Stunde bewusst auf Entschleunigung einstellen, denn dafür ist vieles in unserem Leben letztendlich nicht ausgelegt. Manche Situationen leben durch Geschwindigkeit und wollen wir nicht als ständige Bummler gelten, müssen wir uns den Spielregen eben anpassen. Doch ab und zu können wir uns trotz dessen bewusst aus dem Stress zurückziehen und etwas Abstand gewinnen. Zwar leben wir in einer Leistungsgesellschaft, doch sollten wir nicht vergessen, dass Leistung eben nicht immer Geschwindigkeit bedeutet. Nicht ohne Grund heißt es in einem alten Sprichwort: “Der Teufel steckt im Detail”. Und eben darauf kommt es doch letztendlich oftmals an – auf die Details, die uns erst dann wieder deutlich werden, wenn wir uns die Chance zugestehen, diese wahrnehmen und verarbeiten zu können. Immerhin wissen wir alle, dass uns anhaltender Stress schadet und sogar psychosomatische Symptome hervorrufen kann. 

Doch Hand auf´s Herz: Wer versucht nicht im Job oder auch im Privatleben sein Bestes zu geben, um sich am Ende eines Tages halbwegs zufrieden auf die Schulter klopfen zu können? Doch sollten wir dabei nicht unsere eigene Zufriedenheit aus den Augen verlieren. Was bringt es uns, wenn wir es zwar halbwegs schaffen es allen anderen Recht zu machen, doch selbst unter dem Stress leiden? 

Lass es uns gemeinsam versuchen und folgende Gedanken aus unserem Kopf streichen: “Eigentlich müsste ich jetzt woanders sein” und “Ich habe jetzt eigentlich keine Zeit, um mich darum zu kümmern”. Statt dessen ergänzen wir: “Warum mache ich mir deswegen gerade so einen Stress” und “Was würde mir jetzt gut tun”, in unserem Repertoire.

Es sind nur zwei kleine Gedankengänge, aber vielleicht werden wir damit nicht nur uns selbst, sondern auch unserem Umfeld etwas gerechter. Vielleicht schaffen wir es gemeinsam, wenn wir uns auf das fokussieren, was in so manchem kleinen Moment wirklich wichtig ist: Der Augenblick selbst. 

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