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  • AutorenbildSchreiblaune

Ist alles Gold, das glänzt?

Ich muss zugeben, dass ich in dieser Woche einen Moment hatte, in dem ich mich wirklich über mich selbst geärgert habe. Aufgrund der zweiten Corona-Welle zähle ich zu den Glücklichen, die im Home Office arbeiten dürfen. Im Team haben wir einen recht freundschaftlichen Umgang miteinander, sodass für uns von Anfang an klar stand, dass wir keine Videochats ohne Vorwarnung starten. Doch in dieser Woche hatte ich ein Kundengespräch, das überraschend – du kannst es dir denken – in einen Videochat mündete. Das Gespräch verlief absolut angenehm und nett. Im Prinzip finde ich es sogar gut zu wissen, für wen ich Texte schreibe und daher finde ich die Möglichkeit der Videoanrufe prinzipiell auch wirklich super.

Doch an einem Freitagnachmittag, nach einer Woche frühen Aufstehens und langen Abenden mit meinen eigenen Projekten, sah man mir die zurückliegenden fünf Arbeitstage doch sehr deutlich an. Das zerzauste Dutt und die Beleuchtung der unwilligen Haare durch die hinter mir hängende Küchenlampe, waren dabei genauso wenig hilfreich, wie der Pickel, der mir unbarmherzig in der Handykamera entgegengestrahlt hat. Wenn du dich an dieser Stelle fragst, was mein Aussehen mit dem Kundengespräch zu tun hat, bist du meiner Enttäuschung über mich selbst schon auf die Schliche gekommen. Denn die korrekte Antwort würde in diesem Fall lauten: Nichts. Oder zumindest nicht viel.

Und so habe ich meinen Freitagabend damit verbracht, mich maßlos über mich selbst zu ärgern, weil ich nicht auf einen Videochat vorbereitet war und mich in der Situation nicht wohl gefühlt habe. Dass ich meinen Kunden dennoch das Gefühl gegeben habe für ihre Bedürfnisse da zu sein und ihnen zeitnah die gewünschten Texte abliefern zu können, stand für mich jederzeit außer Frage. Ganz einfach, weil ich an diesem Abend weniger meine Fähigkeiten als meine Optik angezweifelt habe.

Natürlich meine ich mit meiner Kritik nicht, dass ich meinen Kunden in Jogginghose und dem fleckigen Lieblingspullover entgegentreten möchte. Denn ich will als kompetenter Ansprechpartner wahr- und auch ernst genommen werden. Doch werde ich das nur, wenn auch die Optik stimmt? Bestimmt also die Optik die Einstufung meiner Kompetenzen?

Dazu möchte ich etwas weiter ausholen.

Wer kennt nicht die Floskel: „Der erste Eindruck zählt“? Dabei geht es natürlich um den gesamten Auftritt einer Person bei der ersten Begegnung mit einer anderen, noch unbekannten, Person. Doch, bezieht sich der Satz wirklich nur auf das Verhalten? Natürlich nicht, denn neben Mimik und Gestik verarbeiten wir auch die Optik unseres Gegenübers, um ihn einstufen zu können. Wusstest du übrigens schon, dass uns die nonverbale Kommunikation wesentlich mehr über unsere Gegenüber verrät, als die verbale Kommunikation?

Natürlich könnte ich mich jetzt darüber auslassen, dass  eben dieses Schubladendenken nicht immer zu einer qualifizierten Einschätzung unserer Mitmenschen führt. Oftmals brodelt mehr unter der Oberfläche, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Doch dieses Verhalten ist einfach in uns angelegt, sodass der Scanprozess automatisch in unserem Gehirn startet.

Fähigkeit geht vor Optik. Das ist eine Tatsache, die ich jederzeit genauso unterschreiben würde. Denn ganz ohne Kompetenzen und den richtigen Kenntnissen im eigenen Themengebiet geht es eben auch nicht. Warum fangen wir nicht langsam damit an, unser Können in den Vordergrund zu stellen und hören endlich auf uns aufgrund der Optik kleiner zu machen, als wir in Wirklichkeit sind?

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