top of page
  • AutorenbildSchreiblaune

Können wir wirklich alles erreichen?

Ich habe in den letzten Tagen einen Ratgeber gelesen, in dem es mitunter genau um dieses Thema ging. Der Autor, in diesem Fall ein Coach, ging davon aus, dass wir alle Ziele erreichen können, vorausgesetzt diese sind uns auch wirklich wichtig genug. Dabei erklärt er, dass wir für uns und unser Ziel dessen Kosten und Nutzen gegenüberstellen. Überwiegt für uns der Nutzen gegenüber den Kosten, sind wir bereit alles daran zu setzen, um dieses Ziel zu erreichen. Auch, wenn dieses negative Begleiterscheinung bedeutet.

Nachdem ich das Buch zugeklappt und zur Seite gelegt habe, wollte mir das Thema nicht mehr aus dem Kopf gehen. Denn ist es wirklich so einfach, wie der Autor beschreibt? Können wir alles erreichen, was wir wollen, wenn es uns nur wichtig genug ist?

Während des Lesen muss ich zugeben, dass mir seine Argumentation vorerst wirklich logisch vorkam.

Ein Beispiel: Ich möchte ein Buch schreiben und verlegen lassen. Da ich auf regelmäßige Einnahmen angewiesen bin, muss die Arbeit am Buch neben dem täglichen Job stattfinden. Das ist für einige sicherlich kein Problem, da sie ihre Zeit gut einteilen können und sich mit Begeisterung auf die Arbeit nach der Arbeit stürzen. Wenn ich mir nach Feierabend also denke: „Oh man, das war heute ein stressiger Tag, ich brauche einfach nur etwas mehr Ruhe und Zeit für mich“, würde dies bedeuten, dass ich das Schreiben aufschiebe, weil es mir einfach nicht wichtig genug ist. In diesem Fall wäre mir meine Ruhe und das Entspannen nach einem stressigen Arbeitstag schlichtweg wichtiger, als die Arbeit am Manuskript.

Klingt doch eigentlich recht logisch, nicht wahr? In diesem Beispiel scheint die Rechnung von Kosten und Nutzen tatsächlich auch aufzugehen.

Ein weiteres Beispiel: Stell dir vor du möchtest mehr Zeit für deine Hobbys haben, bleiben wir hier beim Schreiben. Du arbeitest natürlich noch, um dir Wohnung, Strom und Essen leisten zu können. Das bedeutet du stehst morgens um 6 Uhr auf, um pünktlich um halb acht/ acht im Büro zu sein. Das setzt allerdings bereits voraus, dass du zu denjenigen gehörst, die den Luxus innehaben, nicht weit zur Arbeit fahren zu müssen. Nun verbringst du rund neun Stunden, inklusive Pause, mit deinem Job. Dabei gibt es anstrengende und weniger nervige Tage. Auf dem Heimweg bist du noch top motiviert und stellst dir bereits vor, wie du an dem nächsten Kapitel deines Romans arbeitest. Konzentriert und absolut in deinem Thema – schließlich hast du dein Ziel bereits vor Augen. Du möchtest ein fertiges Manuskript bei einem Verlag oder einer Literaturagentur einreichen. Du öffnest die Haustür und wirst bereits stürmisch von deinem Hund begrüßt, jetzt ist erstmal Zeit für eine Runde Gassi. Die frische Luft tut euch beiden gut und du merkst, dass du langsam aber sicher Hunger bekommst. Kein Grund zur Panik, denn ein Teller mit Essen passt ja auch noch neben dich auf deinen Schreibtisch. Außerdem ist schließlich bekannt, dass das Kauen die Konzentration fördert. Bis du dein Essen zubereitet hast und am Schreibtisch sitzt, ist es bereits 20 Uhr. Also nur noch kurz Nachrichten gucken und es kann losgehen. Doch schon schleicht das schlechte Gewissen um die Ecke, denn dein Hund war den ganzen Tag allein und jetzt sitzt du schon wieder am Schreibtisch. Alternativ hast du einen Partner oder eine Partnerin, mit der du auch noch nicht viele Sätze ausgetauscht hast und du bist dir in diesem Moment nicht sicher, ob du überhaupt schon gefragt hast, wie ihr/sein Tag verlaufen ist.

Du verstehst sicherlich worauf ich hinaus möchte.

Denn die These bedeutet im Umkehrschluss auch, dass wir recht egoistisch werden, wenn es um unser Ziel geht. Schließlich betrifft genau dieses nicht zwangsläufig nur unser eigenes Leben. Wir leben nunmal nicht immer isoliert und können unabhängig von unserem Umfeld unsere Zeit einteilen, ohne dass wir dadurch jemanden vernachlässigen.

Quelle: Pixabay, greyerbaby-2323

Nicht immer geht es darum mit einem Hobby erfolgreich zu werden, bzw. aus einer Berufung einen Beruf zu machen. Manchmal geht es eben auch um eine bessere Position, mehr Prestige oder mehr Macht. Je nachdem, was uns in unserem Leben wichtig ist und uns als erstrebenswert erscheint. An dieser Stelle finde ich ein Schlagwort besonders wichtig, da es nicht außer Acht gelassen werden sollte: Moral.

Würde sie nicht existieren, würden wir womöglich wirklich „über Leichen gehen“, wenn es uns einen Schritt näher an unser Ziel bringt. Doch genau das tuen wir – zum Glück – in den meisten Fällen eben nicht.

Auch würde die Argumentation im Umkehrschluss bedeuten, dass wir nur aus einem Grund in unseren Bestrebungen scheitern: Wir wollten es nicht hart genug. Uns ging quasi auf dem Weg zum Ziel die Puste aus. Versteh mich nicht falsch, das mag in einigen Fällen sicherlich zutreffend sein. Doch bin ich keine große Freundin von Generalisierungen und Allgemeinplätzen.

Ebenfalls wichtige Punkte sind neben den moralischen Eckpfeilern sicherlich auch unser soziales Umfeld und eine Prise Glück, das bekannte „Vitamin B“ oder oder oder… Denn unser Leben ist so komplex, dass es sich nicht so einfach auf nur wenige Fakten herunterbrechen lässt. Übrigens: Sobald unser Ziel auch andere Menschen betrifft, ist für die Erfüllung nicht mehr allein nur unser Wille von Bedeutung, sondern auch der anderer Involvierter.

Grundlegend gefällt mir der Gedanke sehr, dass wir alles erreichen können, wenn wir es uns nur fest genug vornehmen. Nur zu gut dürften diesen Spruch noch viele von uns aus unserer eigenen Kindheit kennen. Und wie wichtig ist es, dass Kinder eben diese Zeit erleben, in der jemand zweifelsfrei an sie und ihre Fähigkeiten glaubt.

Dennoch sind wir nicht alle zu der nächsten Bundeskanzlerin, Bestsellerautor*in oder auch renommierten Wissenschaftler*in geworden. Und weißt du was? Das ist auch vollkommen in Ordnung so. Und damit kommen wir zu dem, was mich nachträglich tatsächlich auch an der Annahme des Autors geärgert hat.

Nochmal zum Anfang: Wir können jedes Ziel erreichen, wenn wir es nur wirklich wollen, bzw. es uns nur wichtig genug ist. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass diejenigen unter uns, die ihre Ziele – zumindest vorläufig – nicht erreichen, dies eben nicht genug gewollt haben. Doch ist es wirklich so einfach? Ich denke nicht. Denn nicht selten, sind die Wege bis zum geliebten Ziel steiniger als wir vormals angenommen haben. Ab und zu müssen wir vielleicht eine Verschnaufpause einlegen oder wir entdecken neue Ziele, sodass wir einen Kurswechsel durchleben. Manchmal geht uns tatsächlich der Atem aus und wir müssen kurz inne halten, um letztendlich neuen Anlauf zu nehmen und weiter vorwärts zu kommen. Einige brauchen nunmal mehr Pausen, als andere. Und auch das ist vollkommen in Ordnung, denn wir sind nunmal nicht alle gleich. Unser Alltag ist zu komplex, um ihn auf vermeintlich logische Schlussfolgerungen zu reduzieren.

Tatsächlich möchte ich mit diesem Beitrag niemanden frustrieren oder die Hoffnung darauf rauben, ein Ziel zu erreichen. Unabhängig davon, wie hochtrabend es auf den ersten Blick erscheinen mag. Im Gegenteil. Ich bin eine große Anhängerin von dem Ansatz, dass man seine Ziele hoch ansetzen sollte, um motiviert durchzustarten und das beste aus uns herauszuholen. Denn oftmals sind wir wesentlich stärker, als wir es uns zu Beginn noch erträumt hätten. Doch sollten wir dabei eben nicht vergessen, dass es vollkommen in Ordnung ist nicht alles beim ersten Anlauf zu schaffen. Manchmal ist es eher eine Etappenwanderung als ein Sprint. Es ist ebenso mutig wie herausfordernd an sich und seine Ziele zu glauben.

Eines habe ich für mich persönlich jedenfalls aus dem Ratgeber mitgenommen: Sollte ich vorerst vermeintlich an einem Ziel scheitern, bedeutet dies nicht, dass ich es einfach nicht genug wollte, sondern dass ich nur eine kurze Verschnaufpause einlege, um meine Kräfte für den nächsten Spurt zu sammeln.

Ich wünsche euch schon jetzt einen angenehmen Start in die neue Woche und viel Erfolg bei dem, was ihr euch vorgenommen habt. 😊

1 Ansicht0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page